Eröffnungsrede zu meiner Ausstellung am 8.9.2017

Ich möchte euch mit einem indischen Gruß willkommen heißen. Er heißt: Namasté und bedeutet: Ich grüße das Göttliche in dir. Ich grüße den göttlichen Funken, das göttliche Mysterium, das Schöne in dir, das, was jeden von uns einzigartig macht.

Alle Menschen, die ihr hier seht, haben eins sehr gut verstanden: wir alle sind genau so gemeint, wie wir sind. Die Menschen auf meinen Fotos sind fast alle ungeschminkt, keiner von ihnen hat in den Spiegel geschaut, bevor ich ein Bild machte. Sie wussten, sie sind gut genug. Sie hatten nicht das Gefühl, künstlich lächeln zu müssen oder sich verstellen zu müssen. Alle wussten, sie sind gut genug. Sie konnten zu genau der Schönheit stehen, die ihnen gegeben wurde, mit allen Falten, Fettröllchen oder Pickeln.

Jeder von uns hat seine ganz eigene Form von Schönheit, wir müssen sie nur sehen lernen. Ich habe in vielen Ländern erlebt, wie zufrieden dieses Denken machen kann.

Alle Menschen auf diesen Bildern hier vereint auch, dass sie so gut wie nichts besaßen, manche lebten auf der Straße, böse Zungen könnten sie Penner nennen. Wenn ich jemandem begegne, der auf der Straße lebt, dann weiß ich manchmal nicht, ob uns viel unterscheidet außer dass Tatsache, dass ich reich und privilegiert aufgewachsen bin. Talent ist auf der Welt gleichmäßig verteilt, anders als Chancen. Viele Menschen haben aus den winzigen Chancen, die sie hatten, das Größte gemacht. Während Wir oft nur die Chancen sehne, die wir nicht haben.

Eine Chance, das kann auch ein Mensch am Wegesrand sein, eine Begegnung, ein Gespräch, aus dem man einen wichtigen Satz mitnimmt. Ich habe oft Sätze mitbekommen, die mich jahrelang begleitet haben und oft wurden sie aus Zufallsbegegnungen geboren.

Wie entsteht so eine Zufallsbegegnung, wie fängt man ein solches Gespräch an? Wie sind diese Fotos entstanden, was habe ich gesagt?

Ich glaube, man kann sich diesen Menschen auf zwei Arten nähern. Einmal mit dem Gedanken, ich will etwas von dir, gib mir dein Foto oder mit dem Gedanken; ich sehe dich. Auch wenn andere an dir vorbeilaufen; ich sehe dich. Ich sehe nicht nur, dass du Lumpen trägst, arm bist oder alt, ich sehe auch deine Anmut. Ich habe nicht nur Mitleid mit dir, ich glaube auch, dass etwas Besonderes in dir wohnt.

Jeder Mensch, sei er noch so verkrüppelt, halbblind oder in Lumpen gekleidet, hat Würde. Er spürt sofort, ob er nur als Postkartenmotiv dienen soll oder sich sein Gegenüber für ihn interessiert. Für ein kurzes freundliches Wort meinerseits schenkten mir die Menschen auf den Fotos nicht nur ihr Bild, sondern auch ihr Vertrauen, dass ich gut damit umgehe. Manche schenkten mir ihre Geschichte, ein alter Mann in Sri Lanka schenkte mir sogar einen Glücksstein, der mich auf meinen Reisen beschützen sollte.

Ich habe auf all diesen Reisen etwas Wichtiges gelernt: Wenn wir unsere Sicht auf die Dinge ändern, ändern sich die Dinge. Was wäre, wenn wir die Sicht auf unsere Mitmenschen ändern? Wenn wir sie weniger bewerten?

Ich habe mal einen jungen Mann aus Juárez, einer der weltgefährlichsten Städte im Norden Mexikos getroffen. Er war völlig ohne Geld aus Juárez geflohen und hielt sich als Straßenkünstler über Wasser. Er war getrampt, hatte im Freien übernachtet, war von Fremden zum Essen eingeladen worden. Er beschrieb eine Flucht voller Gefahren und Unsicherheiten als ein wunderbares Abenteuer. Zu jeder Narbe im Gesicht konnte er eine Geschichte erzählen und es waren nicht immer nur schöne. Aber zum Schluss breitete er seine Arme aus und sagte: „Que la vida me pinte“. Auf dass das Leben mich zeichne. Ich umarme alles, was mir begegnet denn ich habe Vertrauen, dass es das Richtige sein wird.

Das Problem ist nicht immer das Leben selbst, sondern unsere Einstellung dazu, unsere Bewertung. Wenn wir lernen, Menschen wirklich wahrzunehmen, dann sind die am Wegesrand, die Ausländer, die Einwanderer vielleicht nicht mehr nur Obdachlose, Arme oder Bettler. Dann können sie zu Menschen werden, die etwas Außergewöhnliches erlebt oder überlebt haben und die trotzdem nie die Hoffnung aufgeben. Von denen wir etwas lernen können, wenn wir uns nur dazu entscheiden, ihnen zuzuhören. Das Besondere, Göttliche in ihnen sehen.

Vielleicht kann man das mit einem Blatt Noten vergleichen. Viele sehen darin nur schwarze Zeichen auf weißem Grund. Aber es gibt auch die, die gelernt haben, die Musik dahinter zu sehen.

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