An die Mütter allein reisender Frauen

An die Mütter allein reisender Frauen

Liebe Mütter.

Ihr alle kennt ihn, den Moment, wenn ihr eure Tochter am Flughafengate verabschiedet. Sie dreht sich noch einmal um und winkt. Dann seht ihr nur noch den riesigen Reiserucksack, aus dem zwei Beine zu wachsen scheinen. Sie bewegen sich eilig in Richtung automatischer Schiebetür, werden von ihr verschluckt, eurem Sichtfeld und eurer Kontrolle entzogen. Auf dem Weg zu neuen Erfahrungen und in eine Welt voller Gefahr, vor der ihr eure Tochter nicht mehr beschützen könnt.

Ich verstehe eure Angst und eure Tränen. Wenn ich meine Mutter habe weinen sehen, wäre ich jedes Mal am liebsten umgedreht. Aber bitte macht euch immer wieder klar: Eure Tochter kann sich jetzt selbst beschützen.

Meine Mutter war jedes Mal der Grund, warum ich meine Flugtickets immer heimlich buchte. Ich erzählte so lange niemand von meinen Plänen, bis ich kurz vor der Abreise stand.

Hätte ich ihr 3 Wochen vorher alles erzählt, hätte sie viel Zeit gehabt, sich zu überlegen, mit welchen Argumenten sie mich abhalten kann. Ich hatte Angst, meine Mutter würde mir meine Träume ausreden. Außerdem hätte sie so mehr Zeit zum Sorgen machen gehabt.

Denn das Problem ist ja; wir möchten euch gefallen, liebe Mütter, wir wollen keine Enttäuschungen sein. Niemand, der euch Sorgen macht.

Den Traum, den meine Mutter von mir hatte, war ein anderer als der, den ich selbst von mir hatte. Meine Mutter wünschte sich einen möglichst sicheres Leben für mich. Ich wollte etwas ganz anderes, ich wusste nur noch nicht genau, was.

Inzwischen finde ich aber nicht nur das Finden von dem, was man will, sondern auch die Suche danach wichtig. Denn Suchen bedeutet, dass man etwas in Frage stellt, alte Positionen aufgibt. Es bedeutet, dass man sich zugesteht, noch nicht alles zu wissen und deshalb auch noch nicht festlegen zu können.

Liebe Mütter, ihr könnt eure Sorgen äußern, aber haltet eure Tochter nicht mit der Begründung vom Reisen ab, ihr wolltet nur das Beste für sie. Bedenkt, dass jeder Mensch selbst am besten weiß, was gut für ihn ist.

Es mag sein, dass ihr mehr Lebenserfahrung habt. Das heißt aber nur, dass ihr mehr über euer Leben gelernt habt, die Wahrheit für unser eigenes Leben müssen wir selbst finden. Das geht nur, wenn ihr uns LOSLASST.

Wir brauchen kein wattiertes Geborgenheitsgefängnis, sondern Erlebnisse, die uns formen und prägen.

Liebe Mütter, lasst uns unserer eigenen inneren Stimme folgen und bitte versucht nicht, diese Stimme zu übertönen. Denn wir lieben euch und deshalb ist die Gefahr sehr groß, dass wir auf euch hören. Ein Teil von uns erinnert sich vielleicht gut an früher, als wir völlig von euch abhängig waren, als wir alles getan haben, um euch zu gefallen.

Gerade Frauen ist es oft ihr Leben lang sehr wichtig, zu gefallen.

Bitte denkt genau darüber nach, wenn ihr sagt „Hoffentlich passiert dir nichts.“ 

Denn eine Reise trete ich an, damit etwas mit mir passiert. Gutes und Schlechtes. Wieso sollte ich sonst überhaupt los?

Wir haben auch das Recht auf unsere eigenen Fehler, bitte versucht nicht, uns vor unseren Fehlern zu bewahren. Dazu sind sie zu wertvoll für unsere Entwicklung. Wir haben gleichzeitig auch die Pflicht, mit den Folgen unserer Fehler umzugehen, auch das ist ein wichtiger Lernprozess beim Erwachsenwerden.

In Afrika gibt es Stämme mit teilweise grausamen Initiationsriten. Erwachsen gewordene Kinder ziehen allein in den Dschungel und trainieren das Überleben, müssen einen Löwen mit dem Speer töten oder Ähnliches. Nur weil immer mal wieder jemand dabei stirbt, sind diese Riten so gefürchtet, trotzdem (oder gerade deshalb) erfüllen sie einen sinnvollen Zweck; die Kinder sind ab diesem Zeitpunkt keine Kinder mehr, sie sind dann selbstständig. Sie übernehmen selbst die Verantwortung für ihr Leben.

Ihre Mütter trauern um sie, denn von hieran sind es nicht mehr ihre Kinder. Es ist ihnen danach auch nicht mehr gestattet, Ratschläge zu geben, ihr Verhalten zu loben oder zu tadeln.

Wenn dieser Absprung nie passiert, leben wir für immer in einer Kinderkultur. Thorwald Dethlefsen drückt es so aus: „Viele werden älter, aber nicht erwachsen.“

Es muss nicht gleich so drastisch zugehen wie bei den Initiationsriten. Aber ein deutliches Zeichen einer Abnabelung wäre vielleicht auch in Europa nötig. Vielleicht kann auch eine allein angetretene Reise so eine Aufgabe erfüllen?

Liebe Mütter, wenn ihr uns weiter das einredet, was ihr für richtig haltet, nehmt ihr uns unsere Selbstständigkeit oder verhindert, dass wir diese je ausbilden.

Das läuft oft unbewusst, vielleicht merkt ihr gar nicht, wie ihr eure Tochter beeinflusst. Es gibt Mütter, die von sich sagen, ihrem Kind alle Möglichkeiten zu geben und gleichzeitig nicht aufhören, es zu „erziehen“. Aus den „gut gemeinten“ Tipps für unser Leben, die ihr uns gebt, bis wir 40 sind, klingt auch immer ein leises: Das kannst du noch nicht allein. Oder ein: Ich weiß es besser als du.

Auch den Töchtern ist vielleicht nicht immer klar, wie sie beeinflusst werden. Es ist wie mit der Werbung, auch hier denkt niemand, Werbebotschaften würden ihn beeinflussen. Denn sie tun es unbewusst. Wenn wir in regelmäßigen Abständen zu hören bekommen, was wir zu tun und zu lassen haben, merkt sich das unser Unterbewusstsein und lässt uns danach handeln. Wir handeln dann in dem Glauben, uns selbst für etwas entschieden zu haben.

Diese Welt braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, die selbstbestimmt leben und unabhängig sind.

Deshalb lasst uns reisen, liebe Mütter, arbeitet an eurer Angst um uns, denn sie hat viel mehr mit euch selbst zu tun als mit uns.

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