Was du wirklich für gute Fotos brauchst

Fotografieren ist sehen lernen

„Welche Kamera benutzt du?“ Diese Frage wird mir regelmäßig gestellt.  Wenn ich dann sage, dass meine Kamera gar nicht teuer war, kommt oft ein: „Da hast du aber Glück gehabt, so ein gutes Bild zu schießen“. Ein Teil von mir wehrt sich jedes Mal dagegen, dass das nur Glück war. Denn das Besondere finden bedeutet oft; das Besondere sehen lernen.

Wenn ich einen Menschen, einer Pflanze, einem Ort keine Beachtung schenke, wird er mir immer unbedeutend bleiben. Das einzige Geheimnis ist, dass nichts unbedeutend ist. Jedes Spinnweben, jeder Tautropfen, jeder Käfer; alles kann schön aussehen, wenn man es aus dem richtigen Winkel betrachtet.

Das Besondere liegt oft in dem, was wir für gewöhnlich halten.

Mit den Fotos ist es wie mit dem Schreiben; wir nehmen einen Ausschnitt aus der Realität, den wir entscheiden, wahrzunehmen. Ein Foto sagt viel mehr über uns als über den oder das, was drauf ist.

Wenn wir uns berühmte Fotografen anschauen, dann haben sie niemals nur gute Objektive gekauft. Portraitfotografen haben oft die Gabe, in ihrem Gegenüber Vertrautheit zu wecken. Kein Foto ist ehrlicher als ein Portraitfoto. In den Augen der abgebildeten Menschen können wir sehr viel lesen. Wir könnten jeden Funken von Misstrauen sofort erkennen. Ich finde, man kann auch sehen, ob der Fotograf für ein Bild bezahlt hat oder ob der Mensch sein Bild freiwillig verschenkt hat. Deshalb würde ich nie für ein Foto bezahlen.

Wir alle sehen die Welt durch Filter. Wer Architektur studiert, sieht nur Gebäude, der Landschaftsbauer nur Gärten und der Partygänger nur Bars und Clubs. Theoretisch sehen alle die gleiche Landschaft. Da es aber keine objektive Wirklichkeit gibt, sehen wir alle nur das, was wir sehen wollen oder was uns interessiert. Theoretisch sehen wir auch alle das gleiche, wenn wir einen Menschen sehen. Aber für den einen kann es ein Penner sein und für den nächsten ein Lebenskünstler, mit dem man über das Leben philosophieren kann.

Ich glaube, man muss alles mit Liebe betrachten, dann nimmt man es wahr. Goethe nannte diese Art des Sehens „das Auge licht sein lassen“

Alles muss einem die Zeit wert sein, stehenzubleiben, zu beobachten und so lange zu fotografieren, bis man das Wesen einer Sache abgebildet hat.

Fotografieren bedeutet für mich; sehen lernen, wahrnehmen lernen. Der größte Teil der Kunst besteht genau daraus, für mich kann diesen Teil keine Technik der Welt wettmachen.

Ich muss hier nochmal das Wort LERNEN betonen. Ich konnte nämlich nicht sofort gut fotografieren, ich habe dafür gearbeitet. Dass meine Fotos gut aussehen ist keinem Bearbeitungsprogramm, keinem Filter und keiner Kamera geschuldet. Sondern viel Arbeit, langen Tagen voller Selbstzweifel, an denen kein einziges Bild entstand und meiner Willenskraft, es einfach immer wieder nochmal zu versuchen.

Zu der Kunst des Fotografierens gehört außerdem viel Disziplin. Der Wille, ganz früh aufzustehen für das schönste Licht. Den matschigen Abhang hochklettern und sich die Schuhe ruinieren, nur um von oben die bessere Sicht zu haben. Der Wille, sein Wochenende dem Wald und den Bergen zu widmen statt dem Club und dem Alkohol.

Ich glaube aber, das Wichtigste ist, dass man als Fotograf auch mal die Kamera in der Tasche lässt. Irgendwann ist es Zeit, zu erleben, nicht nur einzufangen. Wir dokumentieren das Erlebte, bevor wir es überhaupt erleben können. Vielleicht, weil wir in einer Kultur leben, in der immer versucht wird, alles zu besitzen. Selbst Momente. Sogar Menschen.

Sobald ich an einen neuen oder besonderen Ort komme, ist mein erster Reflex der Griff zur Kamera. Wenn meine Gedanken aber ständig nur darum kreisen, welches Licht und welche Perspektive ich für das nächste Bild wähle, hält mich das dann nicht davon ab, andere Gedanken zu haben, die mir ein besonderer Ort noch schenken könnte?

Vielleicht können wir versuchen, weniger festhalten und besitzen zu wollen? Vielleicht können wir einen Moment genießen und danach loslassen lernen, in der Gewissheit, dass ein neuer ähnlich schöner kommen wird?

 

2 comments On Was du wirklich für gute Fotos brauchst

  • Oh das hast du so schön geschrieben!!
    Manchmal gehe ich ganz ohne Kamera wandern, es fällt mir immer noch sehr schwer, weil ich andauernd das Gefühl habe etwas zu verpassen, aber irgendwie ist es gleichzeitig auch sehr befreiend sich keine Gedanken über gute Fotos zu machen, sondern einfach nur den Moment zu genießen..
    Ich jedenfalls liebe deine inspirierenden Bilder und weiß ganz genau, dass sie durch den Fotografen und seinem kreativen Auge und nicht durch sein Objektiv entstanden sind. ❤

    • Liebe Jasmin,
      danke für deine lieben Worte, ich hab mich sehr über sie gefreut!
      Ich trainiere mich auch weiter im Kamera-zuhause-lassen, ich glaube, die Bilder, auf die es wirklich ankommt, behält man im Kopf

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